07. September 2018: Die Erneuerbaren Energien sind der Hoffnungsträger unserer Gesellschaft. Doch nun zeigt ein Bericht: Indem sie Menschenrechte vernachlässigt, behindert sich die Branche selbst. Von Robert Grabosch.

Das Business & Human Rights Resource Centre (BHRRC) hat 59 auf erneuerbare Energien spezialisierte Unternehmen unter die Lupe genommen. Untersucht wurden jeweils die öffentliche Erklärung der Unternehmensleitung zu Menschenrechten, die Menschenrechtskonzepte, der Umgang mit lokalen, betroffenen Bevölkerungsgruppen, Wiedergutmachungsmechanismen, Arbeitnehmerbelange und das Lieferantenmanagement.

Hier die Kernaussagen des Berichts:

  • Die Erneuerbaren sind zwar der Schlüssel zum Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft, doch die Menschenrechtskonzepte und -praktiken sind noch nicht ausgeprägt genug, um einen schnellen und gerechten Übergang sicherzustellen.
  • Durch die Vernachlässigung von Menschenrechten schaden sich die Unternehmen selbst. Auch bereits bewährte Mittel menschenrechtlicher Sorgfalt lassen sie ungenutzt. Projektverzögerungen, Rechtsstreitigkeiten und Kosten sind typische Folgen.
  • Insbesondere wenn Unternehmen in Projekte in Ländern mit schwachem Menschenrechtsschutz investieren, müssen sie sich engagiert für eine Achtung der Menschenrechte einsetzen.
  • Die Hälfte der untersuchten Europäischen Unternehmen hätten noch nicht einmal ein Menschenrechtskonzept – obwohl sie alle global tätig sind.
  • Ihre Wertschöpfungskette überwachen 32 der 59 untersuchten Unternehmen systematisch auf Qualitätsanforderungen. Doch nur 15 von ihnen beobachten auch zumindest ein Menschenrechtsrisiko und weitere 13 überwachen ethische, soziale und Umweltkriterien. Nur 9 Unternehmen erwähnen Konfliktmineralien in ihren Unternehmensleitlinien.

Energieunternehmen sind zunehmend der Menschenrechtskritik ausgesetzt. 2017 hat die deutsche Nichtregierungsorganisation Germanwatch in einem Bericht schwere Vorwürfe gegen deutsche konventionelle Energieunternehmen erhoben. Bei zahlreichen Energie- und Infrastrukturprojekten im Ausland würden Menschenrechte schwer verletzt. Betroffene greifen inzwischen sogar zu Klagen. In Deutschland muss sich RWE zurzeit gegen eine Klage eines Peruanischen Bauern verteidigen: Da ein schmelzender Gletscher sein Dorf zu überfluten drohe, müsse RWE sich an schützenden Maßnahmen beteiligen. Die Richter am OLG Hamm halten die Klage bisher für schlüssig.

Durch den jetzt veröffentlichten Bericht des BHRRC gerät nun auch die Branche der Erneuerbaren Energien in die Kritik.

"Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, dass diese Nachlässigkeiten in der Branche den Übergang zu Erneuerbaren Energien behindern."

Was können Unternehmen tun, um zu einer Achtung der Menschenrechte beizutragen? Der Bericht des BHRRC vergleicht Vorreiter mit Nachzüglern und zeigt auf: Unternehmen mit starker Menschenrechtspolitik minimieren Reputationsrisiken und Kosten durch Lieferverzögerungen und Auseinandersetzungen. Das sollte Branche aufhorchen lassen.

Es gilt zu bedenken, welche Managementsysteme bereits implementiert wurden an. Besteht etwa ein Compliance-Management-System, so könnte die „Achtung der Menschenrechte“ als zusätzliches Compliance-Ziel definiert werden. Von dort aus sollte dann eine Task Force, bestehend aus Mitarbeitern der relevanten Abteilungen, Menschenrechtsrisiken identifizieren, Regeln und Verfahren entwerfen und der Geschäftsleitung Änderungen der Organisation vorschlagen. Es existieren bereits zahlreiche Anleitungen und Standards. Doch Achtung: Die Geschäftsleitung muss klar hinter dem Vorhaben stehen. Nur mit einem nachdrücklichen „Tone from the Top“ wird die Achtung der Menschenrechte in der Unternehmenskultur verankert.