24. Mai 2018: Oberstes Ziel der neuen Bundesregierung ist die Beschleunigung des Netzausbaus: Den ÜNB soll also gehörig Dampf gemacht werden. Darüber und über die Bedeutung der EU für die Versorgungssicherheit in Europa, Deutschland und Baden-Württemberg sprach Sarah Schweizer mit Rainer Joswig, Geschäftsführer der TransnetBW GmbH.

Herr Joswig, was zeichnet Ihr Unternehmen aus und welche Rolle spielen Sie in Deutschland und Europa?

Joswig: Schauen Sie auf die europäische Landkarte: Mit TransnetBW befinden wir uns im Herzen Europas und damit im Herzen der europäischen Energiewende; mit allen Herausforderungen, die sich hieraus ergeben. Während bspw. in Mecklenburg-Vorpommern ein Mehrfaches der Kapazität zur Deckung der eigenen Stromnachfrage installiert ist, ergibt sich bei uns im Südwesten genau das gegenteilige Bild. Die letzten Kernkraftwerke werden in den nächsten Jahren außer Betrieb gehen, Steinkohle- und andere konventionelle Kraftwerke können kaum mehr wirtschaftlich betrieben werden. Zur Versorgung der Stromkunden bei uns im Südwesten Deutschlands brauchen wir daher zwingend genau diesen Überschuss an Erneuerbaren im Norden. Das geht jedoch nicht ohne den Netzausbau und die Gleichstrom-Ausbauprojekte, allen voran das Projekt SuedLink - das größte Infrastrukturprojekt der deutschen Energiewende. Trotz Netzausbau werden wir aber an den Themen Energiespeicherung, Smart Grids und der Nutzung von Flexibilitäten nicht vorbeikommen, gerade wenn wir an die Dunkelflauten denken.

Sie haben also nicht den Anspruch, dass Baden-Württemberg - auch in einer 100 %-EE-Welt - seine eigene Versorgungssicherheit gewährleisten kann?

Joswig: Ich habe nicht die Vorstellung, dass sich die Energieversorgung komplett lokal und dezentral organisieren ließe. Wirtschaftlich ist aus meiner Sicht nur ein „sowohl als auch“. Auch wenn wir uns an sonnigen Tagen in Baden-Württemberg einer Vollversorgung aus PV nähern, wäre es sicher nicht wirtschaftlich, möglichst viel PV zu installieren und die Überschüsse einzuspeichern mit dem Ziel, Baden-Württemberg unabhängig zu machen. Wir sollten vielmehr die überregionalen Möglichkeiten des europäischen Binnenmarktes nutzen, um die deutsche und europäische Stromversorgung wirtschaftlich zu gewährleisten. So hat sich die mittlere Transportentfernung jeder Kilowattstunde Strom von der Erzeugung bis zum Verbrauch von ehemals 80 km auf heute bis zu 600 oder 700 km fast verzehnfacht. Gleichzeitig nimmt aber auch die Strommenge mit null Kilometer Transportentfernung zu, beispielsweise beim PV- Eigenverbrauch. Das Bild ist insgesamt facettenreicher geworden. Deshalb halte ich auch eine enge Zusammenarbeit von Verteilungs- und Übertragungsnetzen für absolut erforderlich. Die Aufgabe der Politik ist es, den Rahmen zu setzen, damit sich Netzausbau, Innovation und Digitalisierung optimal ergänzen.

Wie stark sind die ÜNB heute schon in europäische Prozesse eingebunden?

Joswig: Sehr stark. Schauen Sie sich allein das Clean-Energy-Package an. Eine Forderung ist, dass wir 75 Prozent der grenzüberschreitenden vorhandenen Stromtransportkapazität dem Markt zur Verfügung stellen müssen. Dann fangen die Netze an zu glühen. Das ist schlicht nicht umsetzbar. Außerdem würden die Kosten für Redispatch geradezu explodieren, weil wir dann zahlreiche weitere Engpässe bekommen würden. Solche Vorgaben sollten zuvor mit den technischen Experten der europäischen Transportnetzbetreiber konsultiert und nicht am grünen Tisch in Brüssel formuliert werden.

Hierfür gibt es ja bekanntlich ENTSO-E. Sie wurden jüngst als einziger deutscher Vertreter in den Vorstand gewählt. Was sind denn die Aufgaben von ENTSO-E?

Joswig: Bereits vor der Gründung von ENTSO-E haben die europäischen Transportnetzbetreiber eng zusammengearbeitet. Im Rahmen des dritten europäischen Binnenmarktpaketes wurde diese Zusammenarbeit mit ENTSO-E dann institutionalisiert. Wir arbeiten an den rechtlichen Vorgaben mit, formulieren bspw. Network Codes, konsultieren und stimmen sie mit den Regulatoren ab. Freigegeben werden sie dann durch die Kommission. Das ist ein sehr spannender Prozess, bei dem wir uns auch immer stärker mit der Frage der Systemsicherheit befassen. Denn die Situation hat sich stark geändert. Während früher der Blick auf das eigene Übertragungsnetz ausreichte, um die Systemsicherheit zu beurteilen, benötigen wir heute den gemeinsamen Blick auf das Übertragungsnetz in Mitteleuropa. Unsere Antwort darauf – über Entso-E hinaus – ist die Gesellschaft TSC mit Sitz in München, die diesen Gesamtblick für die beteiligten 13 mitteleuropäischen Transportnetzbetreibern schafft. Deren Aufgabe ist es, alle Informationen über die Netze zu bündeln und zu beurteilen, welche Maßnahmen den Transportnetzbetreibern vorgeschlagen werden, um Gefährdungen für das mitteleuropäische Transportnetz abzuwenden. Nichts anderes sollen nach unserer Auffassung künftig auch die Regional Control Center (RCC) tun, die im Clean-Energy-Package vorgesehen sind.

Und welche Aufgabe kommt speziell Ihnen als deutscher Vertreter zu?

Joswig: Zunächst muss jedes Mitglied von ENTSO-E immer das Gesamtsystem im Blick haben. Das ist es, was ENTSO-E stark macht. Trotzdem sind mir die Herausforderungen der deutschen Energieversorgung, auch in der gesamteuropäischen Energiewende, natürlich besonders bekannt. So wie Baden-Württemberg im Herzen Europas liegt, gilt dies auch für Deutschland insgesamt. Wir liegen im Schnittpunkt der europäischen Energieachsen und haben daher auch in besonderer Weise mit den Herausforderungen zu kämpfen. Nun soll auch die bisherige Region Central Western Europa zur „Core Region“ ausgebaut werden. Damit werden die Market-Coupling-Prozesse auf unsere östlichen Partner Polen, Tschechien, Slowakei usw. erweitert. In dieser Situation können die deutschen ÜNB einen besonderen Beitrag leisten. Nichtsdestotrotz: Bei ENTSO-E ist die geballte europäische Transportnetzkompetenz versammelt, gespickt mit der Heterogenität der verschiedenen Ansätze in den Mitgliedstaaten.

Wie bewerten Sie die Rolle Deutschlands im Kontext der europäischen Energiewende?

Joswig: Deutschland ist nach wie vor Schrittmacher der europäischen Energiewende! Wichtig ist aber, dass wir europaweit ein level playing field hinbekommen – sonst ist es wie bei Läufern, denen unterschiedliche Gewichte umgehängt werden. Sie werden am Ende nie zeitgleich ins Ziel kommen. In Deutschland haben wir viel Erfahrung bei der Ausregelung von Netzen, auch unter Berücksichtigung der Einspeisung aus fluktuierenden erneuerbaren Energien, die in der vergangenen Dekade stark zugenommen hat. Als Übertragungsnetzbetreiber bringen wir dieses Know-how in der Entso-E-Arbeit ein und helfen so, eine bezahlbare und saubere Energieversorgung über Deutschland hinaus möglich zu machen.

Wie sehen Sie künftig die Aufgabenverteilung zwischen ÜNB und VNB?

Joswig: Es gibt Regionen in Europa, in denen sich schon vor längerer Zeit Transportnetz und Verteilungsnetz auf einheitliche Vorgehensweisen verständigt haben. Da könnten wir in Deutschland weiter sein. Es ist immer wieder spannend, wenn die unterschiedlichen Sichtweisen am europäischen Tisch zusammengebracht werden und versucht wird, Schnittmengen zu finden. Innerhalb von ENTSO-E habe ich die Aufgabe übernommen, die TSO-DSO-Zusammenarbeit zu koordinieren und zu begleiten. Kürzlich haben wir z. B. einen gemeinsamen Stakeholder Workshop zum Thema Flexibilität durchgeführt. Die im Clean-Energy-Package vorgesehene Gründung einer europäischen DSO Entity sehe als sinnvolle Ergänzung. Ich glaube, wir brauchen diese Zusammenarbeit und diesen europäischen Verband als Scharnier. Es ist immer gut, einen klaren Ansprechpartner zu haben.

Zurück zu Deutschland. Wie kann der Netzausbau beschleunigt werden und was ist aus Ihrer Sicht die Ursache für die erheblichen Verzögerungen?

Joswig: Zur Beschleunigung gab es bereits diverse Gesetzesänderungen. Mit dem NABEG sollten die Genehmigungszeiten für den Leitungsbau von 10 auf 5 Jahre halbiert werden. Das war die Basis für unseren ersten Netzentwicklungsplan 2012 und die damals genannten Inbetriebnahme-Termine. Damit wäre Ultranet 2019 und SuedLink in 2021 in Betrieb gegangen. Nun kam es bekanntlich anders. Woran liegt das? Nun, zum einen sind Theorie und Praxis nicht unbedingt deckungsgleich. Nicht absehbar waren bspw. die zeitlichen Verzögerungen aufgrund zahlreicher Akzeptanzmaßnahmen und Informationskampagnen vor Ort. Darüber hinaus mussten die Planungen für die Gleichstromverbindungen unter Berücksichtigung des im Jahr 2015 beschlossenen Kabelvorrangs erneut durchgeführt werden. Die Akzeptanz hat sich hierdurch grundsätzlich verbessert, allerdings erreichten uns beim Projekt SuedLink noch etwa 7.000 Einwände von Bürgern, wovon viele in den weiteren Planungen berücksichtigt werden. Dann gibt es auch Fälle wie in Thüringen, wo allein die alternative Trassenprüfung im Raum Hessen ein halbes Jahr in Anspruch genommen hat. Das ist leider auch ein Stück weit der Preis des Föderalismus. Was in Berlin entschieden wurde, ist eben - oft aus vielen guten Gründen - nicht so einfach vor Ort umsetzbar. Aber wir lernen viel in diesen Beteiligungsprozessen und haben für unsere transparente und dialogorientierte Kommunikation bereits einige europäische Auszeichnungen bekommen.

Wenn es mit dem Netzausbau nicht klappt – kann die Aufteilung der einheitlichen Gebotszone eine Lösung sein?

Joswig: Zunächst finde ich es aus unserer jüngeren Geschichte heraus durchaus nachvollziehbar, dass wir in Deutschland keine Grenzen, auch keine stromtechnischen, mehr errichten wollen. Zwei Preiszonen bedeuten zwei unterschiedliche Märkte in ein und demselben Land. Glaubt man aktuellen Studien, würde dies zu einem Preisgefälle zwischen Nord und Süd in Höhe von etwa 0,5 ct/kWh führen. Das kann vor allem für energieintensive Unternehmen zu einem Problem werden. Wir geben unser Bestes in puncto Netzausbau. Ich denke also, dass diese Diskussion bald der Vergangenheit angehört.

Kürzlich wurde die Einführung bundeseinheitlicher Netzentgelte beschlossen. Dies führt ebenfalls zu einer Steigerung der Netzentgelte vor allem für Unternehmen in Baden-Württemberg.

Joswig: Richtig, für Unternehmen in Baden-Württemberg erwarten wir bis 2022 eine Mehrbelastung. Die lässt sich allerdings nicht exakt beziffern, da auch die Entgelte der nachgelagerte Netzebenen berücksichtigt werden müssen. Schauen wir aber weiter in die Zukunft, werden vor allem im Südwesten nicht unerhebliche Kosten für die Vorhaltung von Reservekraftwerken anfallen. Diese können wir über die Vereinheitlichung künftig auf alle Netznutzer in Deutschland verteilen. Insofern sehe ich mittelfristig keine nachteilige Wirkung für Baden-Württemberg. Ich würde sogar noch weitergehen. Wenn wir die Verwerfungen, die durch die Energiewende auf die Netzentgelte entstehen, vermeiden möchten, wäre es konsequent, auch die Verteilernetzentgelte zu vereinheitlichen.

Eine Frage zum Schluss: Gehen mit Abschaltung des letzten Kernkraftwerks nach 2022 hier die Lichter aus?

Joswig: Die Lichter werden nicht ausgehen. Aber natürlich beschäftigen wir uns mit dieser Frage im Rahmen unserer Bedarfsanalyse. Dabei berücksichtigen wir selbstverständlich, dass wir Ultranet und SuedLink erst später als zunächst gedacht in Betrieb nehmen können. Deshalb haben wir auch schon sehr frühzeitig den Bedarf für die Aufrechterhaltung der Betriebsbereitschaft einzelner Kohle- und Gaskraftwerke im Süden Deutschlands angemeldet. Die Netzreserveverordnung ist ja zunächst bis 2020 befristet. Ich bin jedoch überzeugt, dass eine Verlängerung erforderlich ist. Daneben bekommen wir auch noch die besonderen netztechnischen Betriebsmittel von bis zu 1,2 GW als eine Art Feuerwehr, wenn es wirklich brennt.

Sehr geehrter Herr Joswig, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.