22. Dezember 2017: Kurz vor Weihnachten hat die Bundesnetzagentur (BNetzA) eine Festlegung für Verteilernetzausbaugebiete getroffen. Damit soll der Erneuerbaren-Zubau in besonders belasteten Verteilernetzen gebremst und umgesteuert werden. Die Festlegung gilt zunächst nur im Rahmen der Verordnung für gemeinsame Ausschreibungen zu Wind und PV (GemAV). Von Sarah Schweizer

Netzausbau hängt Erneuerbarem-Zubau hinterher

Das Problem ist hinlänglich bekannt: der Netzausbau hält mit dem rasanten Erneuerbaren-Zubau nicht Schritt. Hierdurch verharren die Kosten für Redispatch und Entschädigungszahlungen für abgeregelte Erneuerbare-Energien-Anlagen auf konstant hohem Niveau und drohen weiter anzusteigen. Nach dem letzten Monitoringbericht der BNetzA sind hierfür allein im letzten Jahr Kosten in Höhe von 900 Mio. Euro angefallen. Um den steigenden Kosten Herr zu werden, wurden nach diversen gesetzlichen Beschleunigungsmaßnahmen, die den Ausbau der Übertragungsnetze adressieren (Energieleitungsausbaugesetz, Netzausbaubeschleunigungsgesetz, Vorrang von Erdverkabelung), schließlich die weiße Flagge auf der Zubauseite gehisst: Zunächst wurden sog. Netzausbaugebiete ausgewiesen, in denen die Zuschläge für Ausschreibungen für Wind Onshore begrenzt werden. Hierfür wurden besonders belastetet Netzknoten im Übertragungsnetz identifiziert. Zum Netzausbaugebiet zählen der nördliche Teil Niedersachsens, Bremen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Nach all diesen Maßnahmen wird mit der heute veröffentlichten Festlegung von Verteilernetzausbaugebieten nun auch die weiße Flagge im Verteilnetz gehisst.

Worum geht´s dabei?

Am 18. August 2017 ist die Verordnung zu den gemeinsamen Ausschreibungen für Windenergieanlagen an Land und Solaranlagen (GemAV) in Kraft getreten. Demnach werden von 2018 bis 2020 in einem begrenzten Umfang gemeinsame Ausschreibungen von Windenergieanlagen an Land und Solaranlagen durchführt. Ziel dieser gemeinsamen Ausschreibungen ist es, Funktionsweise und Wirkungen von energieträgerübergreifenden Ausschreibungen zu erproben und die Ergebnisse zu evaluieren, auch im Vergleich zur energieträgerspezifischen Ausschreibung. Mit der Verordnung werden die Vorgaben nach § 39i EEG 2017 zu den gemeinsamen Ausschreibungen umgesetzt. Die Verordnung sieht vor, dass die Bundesnetzagentur in den Jahren 2018 bis 2020 jährlich gemeinsame Ausschreibungen im Umfang von 400 Megawatt durchführt. Dazu gibt es jährlich zwei Gebotstermine mit einem Ausschreibungsvolumen von jeweils 200 Megawatt. Die erste Ausschreibungsrunde soll zum 1. April 2018 stattfinden.

In dieser Verordnung wurde auch das neue Instrument der Verteilernetzausbaukomponente eingeführt, mit Hilfe derer der Zubau von Wind Onshore und PV in besonders belasteten Verteilnetzen begrenzt werden soll. Dazu werden zunächst die Gebiete ermittelt, in denen zusätzliche Erneuerbare-Energien-Anlagen einen Verteilernetzausbaubedarf auslösen (Verteilernetzausbaugebiete). Gebote für Windenergieanlagen an Land oder Solaranlagen in diesen Gebieten werden bei der Gebotsreihung mit einem Aufschlag belegt, der Verteilernetzkomponente. Dadurch verringern sich die Zuschlagschancen für diese Gebote und damit die Zubaugeschwindigkeit in den festgelegten Gebieten. Diese Verteilernetzausbaugebiete hat die BNetzA nun mit ihrer Festlegung ausgewiesen. Nach dem Wunsch des Verordnungsgebers soll hierbei maßgeblich sein, ob in einem Landkreis die maximale Rückspeisung von Strom aus EE-Anlagen von der Hoch- auf die Höchstspannungseben größer als die Höchstlast ist. Da diese Daten aber nicht Verteilnetzscharf vorliegen, hat man sich mit einer Krücke beholfen: Als Datengrundlage dienen die im Marktstammdatenregister gespeicherten Anlagen, die Daten zur Bevöl-kerungsstatistik des Statistischen Bundesamtes sowie die volkswirtschaftlichen Gesamtbetrachtung der Bundesländer. Weitere Datenquellen durfte die BNetzA nach dem Willen des Verordnungsgebers nicht heranziehen. Eine – zugegebenermaßen – äußert fragwürdige Hochrechnung, die selbst die Monopolkommission bereits kritisiert hat. Überraschenderweise konnte die BNetzA nun auf Basis dieser Daten für die betroffenen Gebiete eine auf den Cent genaue Komponente berechnen, die für PV und Wind Onshore landkreisscharf die Abschläge festlegt. Diese Abschläge werden dann bei Geboten in diesen Gebieten berücksichtigt, so dass sich Gebote in Netzausbaugebieten weiter hinten in der Gebotsreihung einreihen und es so unwahrscheinlicher ist, dass sie zum Zuge kommen. Die Verteilernetzkomponente hat keine Auswirkung auf die anlagenspezifische Vergütung, da sich die Vergütung nach dem angegebenen Gebotswert richtet.

98 Landkreise betroffen

Nach der Festlegung der BNetzA sind nun 98 Landkreise betroffen. Die Verteilernetzausbaukomponente, also der Zuschlag auf die Gebote, reicht von 0,07 ct/kWh auf Angebote für Wind Onshore im Landkreis Arnsberg bis zu 0,88 ct/kWh auf Angebote für PV-Anlagen im Ostallgäu oder in Landshut. Die Berechnung hat die BNetzA im Einzelnen dargelegt und aufgelistet. Rechtsmittel sind gegen diese Festlegung freilich keine möglich, allenfalls eine Beschwerde kann eingelegt werden. Es ist unwahrscheinlich, dass kurzfristige Änderungen vorgenommen werden. Im August 2019 sollen die ermittelten Verteilernetzausbaugebiete auf den Prüfstand (vgl. § 11 Abs. 1 GemAV). Auch wenn die Verordnung für gemeinsame Ausschreibungen zeitlich begrenzt und zunächst ein Pilot ist, betont das BMWi doch, dass mit den Verteilernetzausbaugebieten erstmals die Netz- und Systemintegrationskosten berücksichtigt werden. Dies könnte eine Blaupause für eine künftige Umgestaltung des Ausschreibungssystems sein.