18. September 2017:  Die Entflechtung ist die Basis für jeden Wettbewerb. Alles andere führt in einen permanenten Reparaturbetrieb. Die schleichende Zuordnung neuer Aufgaben zu den Netzbetreibern bedeutet letztlich deren Überforderung. Die Spielregeln sind so anzupassen, dass neue Entwicklungen verursachungsgerecht und wettbewerblich angeregt werden, um den Strombedarf vor Ort zu decken. Ein Gastbeitrag von Dr. Hans Wolf von Koeller, Leiter Energiepolitik der STEAG GmbH.

Der Umbruch

Alle Akteure im deutschen aber auch europäischen Energiemarkt stehen unter einem erheblichen wirtschaftlichen und politischen Druck. Daher wird innerhalb der Unternehmen gespart und umstrukturiert, sowie neu ausgerichtet. Eine Reihe von neuen Geschäftsmodellen wird im Wettbewerbsumfeld diskutiert und zum Teil auch ausprobiert. Branchenübergreifend werden anhand einer Vielzahl von Studien alternative, aber dafür umso weiter in der Zukunft liegende Technologiekombinationen – wie Power-2-Gas oder z.B. die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme - für die Energieversorgung diskutiert. Damit sollen politisch gesetzte CO2-Minderungsziele erreicht werden. Welche Prämissen (beim industriellen Umbau und im Wohnbereich bzw. individuellen Mobilitätsverhalten) dafür zugrunde gelegt werden, wird dabei weniger beachtet. Das entscheidende wird bei alldem jedoch meist nach hinten gerückt: Mit welchen Anreizen, in welchem System sollen diese Technologien ans Netz kommen? Und wie werden zukünftig sekündlich das Angebot, also der Einsatz von Anlagen, und die Nachfrage nach Strom koordiniert? Und wie werden die zukünftige Energieversorgung und die dafür erforderliche Infrastruktur belastbar finanziert?

Das "Stromspiel" braucht Unbundling und das Netz als Spielbrett

Der Strommarkt ist heute für die Zusammenführung von Angebot und Nachfrage der relevante Treffpunkt. Dafür gibt es Spielregeln. Erzeuger und Verbraucher brauchen ein technisches Spielbrett, das Netz. Wenn das Netz-Spielbrett plötzlich mitspielen würde, fallen alle Figuren um. Daher gibt es das Unbundling. Nachvollziehbarerweise gelten für einen Netzbetreiber auch andere Regeln. Ein Netz ist ein natürliches Monopol, da nicht jeder sein eigenes Netz daneben, darüber oder darunter bauen kann. Also werden „Netzpreise“ nicht im Wettbewerb ermittelt, sondern als Tarife genehmigt. Das Spielbrett folgt einer andere Logik als der Markt darauf. Das Unbundling führt also dazu, dass ein Markt bestehen kann, auf dem unterschiedliche Anbieter zusammenkommen. Der Markt umfasst nicht nur das Angebot und die Nachfrage nach Gas und Strom, sondern auch die Bereitstellungen von Leistungen, die das Energiesystem jederzeit in der Waage halten, mit Reserven, Regelenergie und Systemdienstleistungen. Das wird alles nicht perfekt funktionieren. Jede Bemühung, den Strommarkt und die physikalische Wirklichkeit zusammen zu führen, sollten unterstützt werden; also Verbrauch, Erzeugung und Netz zeitlich und räumlich zu synchronisieren.

Physikalische Realität und politische Ziele müssen zusammenpassen

Die bedarfsgerechte Versorgung zu vernünftigen Preisen, wobei das Unbundling hilft, sind jedoch nur Teil der energiewirtschaftlichen Ziele. Was passiert nun, wenn die Entwicklungen im Strommarkt von der Jagd nach steigenden erneuerbaren Prozentpunkten bestimmt und so nach und nach von der physikalischen Realität entfernt werden? Wenn die Anforderungen an zahllose neue Einspeiser z.B. 1,5 Mio Photovoltaikanlagen künstlich gering gehalten werden? Wenn das Stromsystem von Einspeisern dominiert wird, die sich nicht um die Nachfrage, sondern nur um die Ausrichtung nach dem Wind kümmern? Und die 25.000 volatil einspeisenden Windkraftanlagen dafür auch an Stellen errichtet werden, an denen es Wind aber keinen Strombedarf und auf Sicht nicht genug Leitungskapazität gibt? Wenn also die Infrastruktur systematisch in ihrer Dimension nicht mehr zur Erzeugung und dem Bedarf der Erzeuger passt? Um in unserem Bild zu bleiben: Manche Spielfiguren dürfen dreimal würfeln und kreuz und quer über das ignorierte Spielfeld laufen und andere raus werfen.

Es steigt so zunächst einmal auf Basis der bestehenden Regeln der Redispatch auf rd. 3.000 jährliche Eingriffe an und EE-Anlagen werden gemäß des Einspeisemanagements abgeregelt. Also erfolgt der Einsatz bzw. das Ausschalten von Kraftwerken, um fehlendes Netz zu kompensieren. Der Versuch über „Netzausbaugebiete“ den zukünftigen Zubau regional zu steuern, ist ehrenwert, sorgt aber weder heute noch zukünftig für eine physikalische Synchronisation. Dafür müsste der lokale und überregionale Netzausbau über Netzanschlussverträge o.ä. mit dem Zubau konkret synchronisiert werden. Bedenken sollte man auch dabei: Auch der Bedarf nach Systemdienstleistungen ändert sich, wenn das System strapaziert wird. Die Regeln bleiben auch hier aber unverändert. Es steigt zudem die Sorge um die politische Verantwortung für die Stabilität des zunehmend labilen Systems. Beides – regulatorischer Stillstand und Angst - erweitert letztlich gewollt und ungewollt den Spielraum der Netzbetreiber bei Eingriffen. Das Spielbrett spielt also mit, und schiebt mal hier und mal da und beeinflusst das Ergebnis und die Regeln.

Unbundling in Gefahr: Das Spielbrett spielt mit?

Mittlerweile wird in Deutschland unter der Obhut der Übertragungsnetzbetreiber eine wachsende Flotte an Kraftwerken in Reserven betrieben. Die ursprünglichen Pläne mit dem Strommarktgesetz, eine Netzreserve, Kapazitätsreserve, Netzstabilitätsanlagen und eine Sicherheitsbereitschaft einzuführen, hätte in Deutschland in Summe ein Potenzial von bis zu 14 GW Kraftwerksleistung in unterschiedlichen Reserven gehabt. Nun wird man sehen, was die Europäische Kommission davon übrig lässt. Die Netzstabilitätsanlagen, die ursprünglich im Eigentum der Übertragungsnetzbetreiber stehen sollten, sind aufgrund von EU-Interventionen per Gesetzesänderung in „besondere netztechnische Betriebsmittel“ umbenannt worden und sollen nun durch Dritte betrieben werden.

Zudem wird ernsthaft diskutiert, ob Netzbetreiber Speicher besitzen sollten, um Lastflüsse aus Erneuerbaren Anlagen zeitlich verschieben zu können. Gefordert wird das, um das Netz nicht stärker ausbauen und Erneuerbare weniger einschränken zu müssen. Also soll das Netz Strom speichern und zeitversetzt wieder „abgeben“. Genau das ist jedoch eine Marktaufgabe, nämlich Lastmanagement, und nicht die Aufgabe von regulierten Netzbetreibern. Die Optionen werden dadurch erweitert, dass der Speicherbegriff weit gefasst werden soll, um auch die Wandlung von Strom in Gas und Wärme davon zu umfassen. So sollen bereits auf der Basis des Strommarktgesetzes – und zu Lasten der Netzentgelte – Power-to-Heat-Anlagen an KWK-Standorten gebaut und betrieben werden, um das Netzengpassmanagement zu reduzieren. So soll Windstrom in Wärme umgewandelt werden. Aber ist das Aufgabe von Stromnetzbetreibern?

Ferner wird für die Offshore-Anbindung und die großen Gleichstromtrassen durch Deutschland eine große Flotte an HGÜ-Konverterstationen im Eigentum von Netzbetreibern aufgebaut – es sind bis zu 16 GW in Betrieb und Planung - , die umfangreich Systemdienstleistungen anbieten können und damit im Wettbewerb zu konventionellen wie erneuerbaren Kraftwerken stehen. Hier wird das Angebot für weitere Systemdienstleistungen also in den Händen von Netzbetreibern monopolisiert.

Die Liste von Funktionen, die Netzbetreiber übernommen haben, ließe sich beliebig verlängern: Netzbetreiber verwalten das EEG-Konto und vermarkten EEG-Anlagen, sie erhalten die Aufgabe zur Verwaltung von Kundendaten, übernehmen Modellversuche im Bereich der Elektromobilität etc.. All das zieht weitere Verlagerungen von Aufgaben von marktlich ausgerichteten hin zu regulierten Akteuren nach sich. Dabei gilt es vorrangig, die Plattform für einen effizienten Stromaustausch in Deutschland und Europa zu bieten, zu möglichst transparenten, gerne auch einheitlichen Preisen.

Ohne Unbundling kann kein Markt bestehen, auch kein europäischer. Es ist zu befürchten, dass ohne Markt sukzessive eher ein verwalteter Energie- und Datenaustausch zwischen verschiedenen Spannungsebenen etabliert wird. Dann ist das Spiel, das gespielt wird, aber auch ein ganz anderes.

Was ist notwendig?

Es ist also dringend notwendig, dass über die Spielregeln, Rollen und Anforderungen fundamental diskutiert wird. Diese müssen sich an der physikalischen Realität, also der Deckung des Bedarfs am richtigen Ort, orientieren. Selbst wenn es andere technische Optionen gibt, geht es weiter darum, Verbrauch, Erzeugung und Netz zeitlich und räumlich zusammen zu führen. Wichtig ist, dass die Spielregeln den Netzausbau und –betrieb effizient sichern und verursachungsgerecht gestaltet werden. Zuvor ist auch die Erkenntnis erforderlich, dass deutsche Netzbetreiber auf dem heutigen Pfad, ohne wettbewerbliche Zusammenführung von Verbrauch und Erzeugung in eine Überforderungssituation geraten können. Denn deutsche Netzbetreiber können in einem europäischen System die Summe an Fehlanreizen nicht alleine kompensieren – wenn sie nicht Großverbraucher abschalten. Heute fehlen Technologien, wie leistungsfähige elektrische Speicher. Diese werden gebraucht, um in einem zukünftigen System den sekündlichen Einsatz der Anlagen und Bedarfe der Nachfrager zu koordinieren. Ohne Markt geht das nur in modellhaften Ansätzen mit Plan und Zwang. Wie heißt „Mensch-ärgere-Dich-nicht!“, wenn die Figuren festgeklebt werden und das Spielbrett die Bewegungen durch Wackeln simuliert?