14. September 2017:  Papierfabriken zählen zu den energieintensivsten Branchen in Deutschland. Die Energiekosten erreichen schnell 10 Prozent des Umsatzes und stellen für die Branche eine große Herausforderung dar. Wie Traditionsunternehmen damit umgehen und was es mit Graspapier auf sich hat, erfährt Sarah Schweizer von Michael Schöner, Projektleiter Graspapier bei der Papierfabrik Scheufelen in Lenningen.

Herr Schöner, als energieintensive Industrie profitieren Sie doch sicher von allen Vergünstigungen auf den Strompreis, die man sich so vorstellen kann? 

Schöner: Energieintensive Industrien haben in Deutschland tatsächlich den Anspruch auf umfangreiche Vergünstigungen im Bereich der anfallenden Energiekosten. Der Strompreis direkt ist für die Industrieunternehmen nicht vergünstigt, da sich der Strompreis tagesaktuell an der EEX-Strombörse bildet. Allerdings gibt es Möglichkeiten, die umfangreichen „Stromkostenbestandteile“ zu reduzieren bzw. zu begrenzen. Dies geschieht nicht aus Nächstenliebe oder Vetternwirtschaft zwischen Politik und Industrie, sondern aus der ganz nüchternen Betrachtung heraus, dass die deutsche energieintensive Industrie europa- und weltweit konkurrenzfähig bleibt und sich somit langfristig international behaupten kann. Der aktuelle Rechtsrahmen ist jedoch so gestrickt, dass man als Unternehmen schon sehr energieintensiv sein muss, um überhaupt an den Vergünstigungen partizipieren zu können. Zugleich sollte man ordentlich Geld in die Hand nehmen, um sich eigene Erzeugungsanlagen aufzubauen und sich so weitgehend von den zahlreichen Abgaben und Umlagen zu entkoppeln. Nur dann lohnt es sich wirklich. Und manche Entlastungen, wie verminderte Netzentgelte, sind an einen sehr hohen und gleichmäßigen Strombezug geknüpft. Da müssten wir die Maschinen quasi 24 Stunden durchlaufen lassen – egal ob das effizient ist oder nicht.

Dabei kommen verschiedene Studien immer wieder zu dem Ergebnis, dass die Papierindustrie erhebliches Lastmanagementpotential birgt und damit der ideale Partner in einer von Erneuerbaren geprägten Welt ist. Ist das korrekt?

Schöner: Tatsächlich hat die Papierindustrie einen sehr hohen elektrischen Leistungsbedarf und somit theoretisch ein hohes Lastmanagementpotential. Das bedeutet, dass der Stromnetzbetreiber, nachdem die notwendigen Parameter geklärt sind, gezielt entsprechende elektrische Lasten (Verbräuche) in der Fabrik von außen reduzieren oder abschalten kann. Das „abgeschaltene“ Unternehmen bekommt hierfür einen finanziellen Ausgleich. Somit hat jedes energieintensive Unternehmen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu entscheiden, ob während dem vollen Produktionsbetrieb abschaltbare Lasten definiert und auch abgeschalten werden können, oder ob ein „Abschalten“ von außen den Produktionsbetrieb nachhaltig stört.

Leider ist aber auch hier der aktuelle Rechtsrahmen eher kontraproduktiv – eine flexible Fahrweise der Produktionsanlagen kann sogar zu erheblichen Nachteilen führen, wenn man sich z.B. die Erhebung von Baukostenzuschüssen oder Netzentgelten anschaut. Hier ist die Politik nicht konsequent. Wenn sie mehr Flexibilität im System haben will, sollte sie diese belohnen und nicht bestrafen.

Unabhängig davon betreibt die komplette deutsche Papierindustrie im wirtschaftlichen Eigeninteresse seit Jahren ein internes, rechnergesteuertes elektrisches Lastmanagement.

Seit Kurzem produzieren Sie auch „Graspapier“. Was hat es damit auf sich?

Schöner: Mit der Produktfamilie Scheufelen Graspapier haben wir die Werte der Nachhaltigkeit sichtbar gemacht. Im Vordergrund der Entwicklung steht dabei die Herstellung eines alternativen Frischfasermaterials unter möglichst geringer Umweltbelastung. Das erreichen wir, indem wir den industriellen Wasserbedarf massiv reduzieren. So brauchen wir für eine Tonne Grasfaserstoff lediglich 1 Liter Wasser – statt 6.000 Litern Wasser pro Tonne Holzzellstoff. Zugleich haben wir eine massive Energieersparnis – für eine Tonne Grasfaserstoff benötigen wir ca. 150 kW/h statt 6.000 kW/h pro Tonne Holzzellstoff. Allein dadurch schaffen wir eine CO2 Reduktion von ca. 4,8 Tonnen sowie der Wegfall aller der bei der Holzzellstoffproduktion benötigten Prozesschemikalien. Und das Beste daran ist, wir unterstützen zusätzlich die Region: Das sonnengetrocknete Gras stammt aus unmittelbarer Nachbarschaft der Biosphärenregion Schwäbische Alb. Die dafür genutzten Ausgleichsflächen haben in der konventionellen Landwirtschaft keine vordergründige Verwendung in der Nutztierhaltung. Die Papierfabrik befindet sich in der Pflegezone der Biosphäre. Mit dem regionalen Bezugskonzept unterstützt Scheufelen damit nicht nur die heimische Landwirtschaft, sondern reduziert ganz erheblich Transportkilometer für Lieferungen von Rohmaterial – auf 50 km im Durchschnitt. Das Material wird direkt in der Papierfabrik in Lenningen verarbeitet. Damit wird das Konzept konsequent abgerundet.

Interessant. Ist eine solch immense Ressourceneinsparung nur bei dem Produkt „Papier“ möglich oder auch auf andere Produkte übertragbar?

Schöner: Um diese ökologischen Vorteile auf verschiedene Endprodukte übertragen zu können, kooperiert die Papierfabrik Scheufelen mit Professoren der Hochschule der Medien in Stuttgart, um hier nachhaltige Verpackungslösungen mit Graspapier entwickeln zu können. Am Standort in Lenningen stehen hierfür kontinuierlich Räumlichkeiten zur Verfügung, die mit vier Master-Studenten der Verpackungstechnik besetzt sind. Mit dem PCL, dem Packaging Campus Lenningen, haben wir daher eine Ideenschmiede direkt auf dem Werksgelände, mit schnellen Entwicklungszeiten und Anregungen, welche Optionen mit Graspapier möglich sind.

Was ich ganz interessant finde ist, dass das Papier nach Heu duftet. Wie konnten Sie diesen Geruch bewahren?

Schöner: Interessant, dass Sie das ansprechen. Das ist gar keine Absicht. Uns ist jedoch wichtig, dass wir das Produkt so naturnah wie möglich belassen. Hierin sehen wir den größtmöglichen Nutzen für unsere Kunden. Insofern freue ich mich, dass man das nicht nur sieht, sondern auch riecht. Sie haben aber hoffentlich Verständnis, dass ich Ihnen die langfristige Konservierung des Heugeruchs nicht garantieren kann.

Sehr geehrter Herr Schöner, ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch.