26. Juni 2017: In einem Grundsatzpapier hat sich die Bundesnetzagentur (BNetzA) erstmals zu den Herausforderung der Digitalisierung, bestehendem regulatorischem Handlungsbedarf und der Bedeutung von Daten für zukünftige Geschäftsmodelle geäußert. In dem Papier „Digitale Transformation in den Netzsektoren“ untersucht sie vor allem den Energiebereich. Von Sarah Schweizer.

Digitalisierung verstärkt Veränderungsprozess in der Energiewirtschaft

Die Europäisierung, die Liberalisierung und die Energiewende sind nach Einschätzung der BNetzA die zentralen Meilensteine des Transformationsprozesses in der Energiewirtschaft. Diese sorgten entlang der gesamten Wertschöpfungskette für Herausforderungen: statt 700 Erzeugungsanlagen in der alten „zentralen fossil-nuklearen“ Welt, müssen heute bereits 1,5 Mio. Photovoltaik-Anlagen und über 25.000 volatil einspeisende Windanlagen ins Stromnetz integriert werden. Hierdurch steigen die Anforderungen an die Systemsteuerung und die Versorgungssicherheit. Zugleich sinken im klassischen Versorgungsgeschäft aufgrund des starken Wettbewerbs und der immer unrentabler werdenden konventionellen Erzeugungskapazitäten die Margen. Die BNetzA sieht in der Digitalisierung nun den vierten Meilenstein, der zu weiteren strukturellen Veränderungen führt. Zugleich böten sich jedoch durch die Digitalisierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette vielfältige Möglichkeiten um Umsätze zu steigern, Prozesse zu optimieren, Kosten zu senken und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Nach Auffassung der BNetzA ist die Digitalisierung damit Treiber und Schlüssel zugleich.

Digitalisierung verändert Geschäftsumfeld der Versorger

Vor allem in den wettbewerblich organsierten Wertschöpfungsketten Erzeugung, Handel und Vertrieb sieht die BNetzA auf die Akteure weitreichende Änderungen zukommen: Hier gehe es künftig vor allem darum, Kundenbedürfnisse zu erkennen und daraus Geschäftsmodelle zu entwickeln. Datenanalyse, Datenauswertung sowie die Identifikation spezifischer Datenzusammenhänge müssten daher zukünftige Kernkompetenzen der Unternehmen in der Energiewirtschaft werden. Daneben nehme die Relevanz von plattform- und datenbasierten Geschäftsmodellen zu, etablierte Wertschöpfungsketten brechen auf und durch den Eintritt neuer Marktteilnehmer wird der Wettbewerb intensiviert. Dies zeige sich insbesondere in den Bereichen Direktvermarktung, Smart-Home-Anwendungen, Wetter- und EE-Leistungsprognosen, Software- und Speicherlösungen sowie Energieeffizienz und Datenaufbereitungen. Zugleich drängen vermehrt branchenfremde Unternehmen in die Energiewirtschaft, z.B. als Anbieter von Stromversorgungstarifen oder im Bereich von Energiespeichertechnologien.

Vor allem in den wettbewerblich organsierten Wertschöpfungsketten Erzeugung, Handel und Vertrieb sieht die BNetzA auf die Akteure weitreichende Änderungen zukommen: Hier gehe es künftig vor allem darum, Kundenbedürfnisse zu erkennen und daraus Geschäftsmodelle zu entwickeln. Datenanalyse, Datenauswertung sowie die Identifikation spezifischer Datenzusammenhänge müssten daher zukünftige Kernkompetenzen der Unternehmen in der Energiewirtschaft werden. Daneben nehme die Relevanz von plattform- und datenbasierten Geschäftsmodellen zu, etablierte Wertschöpfungsketten brechen auf und durch den Eintritt neuer Marktteilnehmer wird der Wettbewerb intensiviert. Dies zeige sich insbesondere in den Bereichen Direktvermarktung, Smart-Home-Anwendungen, Wetter- und EE-Leistungsprognosen, Software- und Speicherlösungen sowie Energieeffizienz und Datenaufbereitungen. Zugleich drängen vermehrt branchenfremde Unternehmen in die Energiewirtschaft, z.B. als Anbieter von Stromversorgungstarifen oder im Bereich von Energiespeichertechnologien.

Für den Vertrieb ist es nach Einschätzung der BNetzA elementar, die wichtige Kundenschnittstelle gegenüber neuen Wettbewerbern zu behaupten. Wer die Kundenschnittstelle kontrolliere, verfügt über wertvolle Kundendaten, die künftig die Grundlage für erfolgreiche Geschäftsmodelle werden könnten. Für Energieversorger bedeute dies daher vor allem eine Steigerung ihrer Servicequalität und die zunehmende Nutzung digitaler Marketing- und Vertriebskanäle (Social-Media, Apps, Online-Plattformen).

Im Netzbetrieb stünden hingehen die Optimierung von Prozessen und die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit im Vordergrund, wie z.B. durch intelligente Betriebsmittel (regelbare Ortsnetztrafos) oder automatisierte Netzsteuerung. Durch Echtzeit basierte Netzplanungs- und Simulationslösungen erhofft sich die BNetzA vor allem Verbesserungen im Netzausbau und -umbau.

Digitalisierung führt zu Effizienzdruck und Kooperationen

Die veränderten Kundenerwartungen, der erhöhte Wettbewerbsdruck, die immer kürzeren Technologiezyklen und neue gesetzlich-regulatorische Vorgaben (z. B. das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende) fordern von den Unternehmen aber auch Veränderungen nach innen. Die BNetzA sieht vor allem eine erhebliche Erhöhung des Effizienzdrucks auf die Energiewirtschaft zukommen. Dies erfordere zum einen die regelmäßige Evaluierung interner Unternehmensprozesse. Gleichwohl werden die erforderlichen, erheblichen Investitionen in die IT-Infrastruktur von kleineren Unternehmen häufig wirtschaftlich nicht abgebildet werden können. Die BNetzA prognostiziert daher verstärkt Kooperationsmodelle zwischen Stadtwerken, Forschungsinstituten und Technologieanbietern etc.

Daten als DIE Grundlage neuer Geschäftsmodelle

Die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung von Daten wird nach Ansicht der BNetzA sowohl im wettbewerblich organsierten Bereich als auch im Netzbetrieb zentral werden. Grundlage künftiger Geschäftsmodelle sei die Fähigkeit, eine Vielzahl von Daten (über Kundenpräferenzen, Verbrauchsverhalten, Daten von Hausgeräten, über Netzzustände, prognostizierte EE-Erzeugungsmengen etc.) zu erheben und für das jeweilige Geschäftsmodell nutzbar zu machen.

Für die wettbewerblichen Wertschöpfungsstufen bedeute dies, dass die bisherigen Produkte zur Belieferung der Endkunden mit Strom und Gas in sehr viel individuellere und erweiterte Leistungsbündel eingebettet werden. Das Leistungsportfolio wird dadurch voraussichtlich vielseitiger und deutlich komplexer werden. Zugleich wird die Vergütung des Versorgers in Zukunft nicht mehr zwangsläufig mit der Menge der bezogenen Energie verknüpft sein müssen. Dynamische Versorgungsdienstleistungen, deren Preisniveau vom fluktuierenden Stromangebot abhängt und solche, die auch das netz- bzw. systemdienliche Verhalten des Kunden „einpreisen“, werden nach Ansicht der BNetzA zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Noch deutlich komplexer werden nach Einschätzung der BNetzA die Veränderungen im Netzbetrieb: Volatil einspeisende EE-Anlagen erzeugen ständige Datenflüsse zu den Energiemengen, Wetterbedingungen und Wartungszeitpunkten. Intelligente Messsysteme liefern permanent Verbrauchs- und Erzeugungsdaten. Kleinsterzeuger nehmen automatisiert an Handelsprozessen teil und veräußern als Prosumer ihren Strom. Stromverbraucher beziehen ihren Strom in Abhängigkeit von verschiedenen Preissignalen und an das Netz angeschlossene Elektroautos beziehen Strom bzw. geben ihn wieder ab und erzeugen dabei ebenfalls permanente Datenflüsse. Ein wichtiger Baustein ist hierfür das Energieinformationsnetz (d.h. die gegenseitige Bereitstellung aller betriebsnotwendigen Daten, vgl. § 12 Abs. 4 EnWG), das nach Ansicht der BNetzA von den Netzbetreibern dringend umgesetzt werden müsse.

Anwendungsfälle digitaler Geschäftsmodelle

Dass die Überlegungen der BNetzA nicht nur Zukunftsmusik sind, sondern durchaus schon innovative digitale Geschäftsmodelle umgesetzt werden, zeigen verschiedene Beispiele: virtuelle Kraftwerke, die Vernetzung von dezentralen Kleinanlagen, die Elektromobilität als Anwendung der Sektorkopplung sowie im Rahmen der Ladesäulennutzung, die Regelleistungsbeschaffung über eine Internetplattform oder blockchainbasierte Geschäftsmodelle bauen bereits wesentlich auf digitalen Prozesse auf. Dabei adressiert die BNetzA gerade in Bezug auf die Blockchain noch zahlreiche offene Fragen, wie z.B. zur Übertragbarkeit des Bilanzkreismanagements oder zur Haftung und Gewährleistung. Im regulierten Netzbereich seien entsprechende Modelle daher bislang noch nicht umgesetzt.

Regulatorischer Anpassungsbedarf – Pflichtenheft der BNetzA

Aus den dargestellten Veränderungen kommt die BNetzA zu der Einsicht, dass regulatorischer Handlungsbedarf besteht. Besondere Bedeutung misst sie dabei vor allem den Entflechtungsvorgaben zu. Damit sich die Digitalisierungspotenziale im Energiesektor voll entfalten können, sei die Sicherstellung eines diskriminierungsfreien Netzzugangs für alle Anbieter innovativer Geschäftsmodelle elementar. In Abhängigkeit der weiteren Entwicklungen schließt sie deshalb auch strengere Entflechtungsvorgaben für die Verteilernetzbetreiber nicht aus. Daneben müsse auch der Regulierungsrahmen die richtigen Anreize setzen. Hier könne es aktuell zu Fehlanreizen kommen, da IT-gestützte Infrastruktur meist den Betriebskosten (OPEX) zuzuordnen ist, Kapitalkosten (CAPEX) aber generell höher bewertet werden. Erstaunlicherweise stellt die BNetzA fest, dass die jüngste Novelle der Anreizregulierungsverordnung durch den eingeführten Kapitalkostenabgleich insofern eher kontraproduktiv wirke. Erforderlich sei deshalb eine technologieneutrale Regulierung, die weder einseitig kapitalkostenlastige noch betriebskostenlastige Maßnahmen bevorzuge und effiziente Lösungen belohne.

Darüber hinaus müsse die Regulierung Anreize für Kooperationsmodelle zwischen Netzbetreibern setzen. Denn gerade im Netzbereich würden die Potenziale der Digitalisierung nur durch größere Unternehmen oder Kooperationsmodelle, die für kleine und mittlere Stadtwerke die notwendigen IT-Aufgaben übernehmen, gehoben werden können. Dies zeige sich sehr deutlich an den neuen Aufgaben der Administration und der Installation von Smart-Meter-Gateways.

Schließlich geht die BNetzA auch auf den regulatorischen Rahmen für die Sektorkopplung ein. Im Interesse der Verbraucher sei es Aufgabe der Regulierung, dafür zu sorgen, dass die Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Verkehr effizient, diskriminierungsfrei und ohne Subventionen organisiert wird. Eine Befreiung von Entgelten oder Umlagen schließt die BNetzA damit aus. Die Eingliederung von Ladesäulen für Elektromobile in den regulierten Netzbereich lehnt die BNetzA in diesem Zusammenhang ab. Insoweit sieht sie die Gefahr, dass Infrastrukturkosten auf den regulierten Monopolbereich überwälzt würden, obwohl entsprechende Lösungen im Wettbewerb effizienter organisiert werden könnten.