29. Juli 2019:  Mit dem Zubau dezentraler erneuerbarer Energien geht der Wunsch vieler Prosumer einher, lokal erzeugte Energie direkt unter Gleichgesinnten zu verkaufen oder zu beschaffen. Die Blockchain-Technologie kann hier der Schlüssel sein, um Energiehandel auf P2P-Ebene zu ermöglichen. Von Alexander Bogensberger

Prosumer sind zumeist private Verbraucher, die aufgrund des Zubaus erneuerbarer Energien (meist PV) und ggf. von Speichersystemen nicht mehr alleine eine Rolle als Verbraucher (Consumer) sondern auch Erzeuger (Producer) einnehmen. Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz sind einer Vermarktung von Überschussstrom zwischen Prosumern auf Grund des Doppelvermarktungsverbotes (§ 80 EEG) jedoch Grenzen gesetzt. Da die ersten subventionierten Anlagen Anfang der 2020er Jahre aus dem EEG fallen werden, steigt die Nachfrage nach regional erzeugter und gehandelter Energie in naher Zukunft jedoch stark an, wodurch die Dringlichkeit, solche und andere post-EEG-Vermarktungsoptionen zu entwickeln und anzubieten stark steigt. Die Blockchain-Technologie kann hier der Schlüssel sein, um Energiehandel auf P2P-Ebene zu ermöglichen. Im Folgenden werden die relevanten regulatorischen Rahmenbedingungen und Potenziale von P2P-Handel im C2C-Bereich übersichtlich dargestellt und Vorteile der Blockchain-Technologie herausgestellt.

Rechtliche Grundlagen

Im Jahr 1996 liberalisierte die EU die Energiewirtschaft, ermöglichte den freien Energiehandel und stieß die Entflechtung von Erzeugung, Vertrieb und Netzen an. Damit einher ging die Entstehung neuer Märkte, neuer Akteure und neuer Formen von Produkten und Dienstleistungen. Mit der voranschreitenden Energiewende, der bevorstehenden Digitalisierung der Erzeuger und Verbraucher (Smart-Meter-Rollout) und einem steigenden Umweltbewusstsein (siehe u. a. Fridays for Future), könnte sich die Entwicklung von P2P-Handel als nächster logischer Schritt in der Entwicklung des Energiesystems etablieren. Der nachfolgende Abriss beleuchtet die bestehenden regulatorischen Randbedingungen und Hemmnisse.

Wie schon 1996 bei der Liberalisierung ist der derzeitige Rechtsrahmen nicht auf die Integration neuer Handelssysteme ausgelegt. Die regulatorischen Rahmenbedingungen weisen daher Hürden auf, die für die Realisierung von P2P-Handel erst überwunden werden müssen, um diesen rechtssicher und wirtschaftlich realisieren zu können. Die Gründe dafür sind vielfältig. So unterscheiden die europäischen Rollen der Marktkommunikation sowie die nationalen Gesetze nicht zwischen kleinen Marktteilnehmern wie Prosumern, Energieversorgern und großen, oft multinationalen Energieunternehmen.

Aus dieser fehlenden Abgrenzung ergibt sich eine Vielzahl von Vorschriften und rechtlichen Pflichten, an deren Einhaltung jeder Veräußerer von elektrischer Energie gebunden ist. Nach geltendem Recht handelt es sich bei Prosumern, welche an einem P2P-Handel teilnehmen möchten, nach EnWG um Lieferanten. Nach EnWG sind Lieferanten dazu verpflichtet, Folgendes vertraglich festzuhalten bzw. zu gewährleisten:

  • Vertragsdauer, Preisanpassungen, Kündigungstermine und Kündigungsfristen,
  • Rücktrittsrecht des Kunden, zu erbringende Leistungen, Zahlungsweisen,
  • Haftungs- und Entschädigungsregelungen bei Nichteinhaltung vertraglich vereinbarter Leistungen,
  • Unentgeltlicher und zügiger Lieferantenwechsel.

Als Lieferant ist der an einer P2P-Lösung teilnehmende Prosumer zudem ein Energieversorgungs-unternehmen nach § 3 Abs. 18 EnWG und somit zur Anzeige der personellen, technischen und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit beim Regulator verpflichtet (§ 5 EnWG). Darüber hinaus ist er verpflichtet, einen Bilanzkreisverantwortlichen nach § 4 ff StromNZV zu benennen und Last-prognosen an Netzbetreiber zu melden. Die geltenden Marktregeln für die Durchführung der Bilanzkreisabrechnung Strom (MaBis) sind zudem einzuhalten. Lieferanten sind darüber hinaus stromsteuerpflichtig (§ 5 StromStG) und nach zur Zahlung der EEG-Umlage an den ÜNB verpflichtet. Diese rechtlichen Einschränkungen zeigen, dass die Hürden und Auflagen zur Teilnahme für Privatpersonen zu hoch sind.

Ein weiteres Hemmnis für P2P-Handel ist das EEG. Aufgrund der Förderung erneuerbarer Energien besteht für diese Erzeugungsanlagen die Gefahr der Doppelvermarktung, wodurch sie nicht an Märkten teilnehmen dürfen, solange sie gefördert werden. Da die meisten erneuerbaren Energieträger in Deutschland diese Förderung in Anspruch nehmen, stehen heute nur noch eine Handvoll Anlagen für den P2P-Handel zur Verfügung.

Alles in allem ist P2P-Handel in Deutschland zwar theoretisch rechtskonform abbildbar, jedoch aufgrund der fehlenden Abgrenzung von Prosumern zu Energieversorgungsunternehmen und Lieferanten nur mit sehr großen bürokratischen Hürden und einer Vielzahl an Verpflichtungen zu bewältigen. Angesichts dieser hohen regulatorischen Hindernisse, fehlender Vereinfachungen für kleine Marktteilnehmer (Prosumer) und des hohen Aufwands für Bürokratie erscheint die breit-flächige Nutzung von P2P-Handel nach heutigem Stand eher unwahrscheinlich, eröffnet den Versorgungsunternehmen jedoch die Möglichkeit, als Enabler für Regulierungsbedarf und Bürokratie zu fungieren und so diesen Anwendungsfall zu realisieren.

Potenziale

Aufgrund der Förderung erneuerbarer Energien durch das EEG ist das Gros von EE-Anlagen nach § 80 EEG nicht für die Vermarktung im P2P-Handel verfügbar. Erst mit dem Auslaufen der Förderung, beginnend in den 2020er Jahren, mit einem Peak im Jahr 2030, ist eine steigende Anzahl potenzieller P2P-Marktteilnehmer zu erwarten. Gerade vor dem Hintergrund der Entwicklung neuer Erlösmodelle, Mehrwertdienstleistungen und einer adäquaten Marktintegration von Kleinst- und Kleinanlagen, ist P2P-Handel eine mögliche Option, für Neuinstallationen und den Weiterbetrieb von Altanlagen, die für den Erfolg der Energiewende dringen benötigt werden.

Unter Berücksichtigung der Komponenten des deutschen Haushaltsstrompreises wird deutlich, dass die Kosten für Handel, Vertrieb, Erzeugung und entsprechende Margen der Energieversorger insgesamt nur 6,88 ct/kWh betragen (2019) und somit eine Blockchain-Lösung, die Aufgaben von diesen übernimmt, nur geringe Kosteneinsparpotenziale bietet. /BDEW-01 19/ Nach Abzug des durchschnittlichen Intra-Day-Preises von 39,94 €/MWh (Januar bis Juni 2019 in /EPEX-02 13/) für die Energiebeschaffung ergeben sich Anteile für Handel, Vertrieb und Marge von ca. 2,89 ct/kWh. Auf Basis des durchschnittlichen Haushaltsstrompreises von 30,22 ct/kW (/BDEW-01 19/) entspricht dies ca. 9,56 %. Unter der Annahme, diese Kosten durch Substitution des Intermediärs mittels der Blockchain-Technologie auf ein Minimum reduzieren zu können, stellt dies das maximale, theoretische Einsparpotenzial für Haushalte dar. In Anbetracht des bürokratischen Aufwands und der Kosten aufgrund der aktuellen Gesetzeslage wird diese Marge in der Realität jedoch deutlich niedriger ausfallen. Dies zeigt, dass der P2P-Handel ohne Bürokratieabbau eher einen Mehrwertdienst informatorischer Art darstellt und sich die wirtschaftlichen Vorteile in Grenzen halten. Um diese Anwendung mit größeren wirtschaftlichen Vorteilen realisieren zu können, sind neben dem Bürokratieabbau weitreichende Änderungen auch bei den Versorgungsunternehmen notwendig, um vom Energielieferanten zum Dienstleister zu werden.

Mögliche Ausgestaltung einer P2P-Blockchain-Plattform

Für die prozessuale Abwicklung von P2P-Handel ist die Blockchain (Informationen zur Technologie unter http://www.ffe.de/bct_bericht und http://www.ffe.de/bct_grundlagen) nicht zwingend erforderlich, wie dies bereits etablierte Anbieter zeigen. Die Blockchain-Technologie kann dann jedoch eine sinnvolle Lösung sein, wenn sie als Plattform für viele Anwender genutzt wird und viele verschiedene Anwendungsfälle auf ihr realisiert werden.

Die Blockchain soll in dem von uns vorgeschlagenen System nicht als Ersatz des Energie-versorgers zu verstehen sein, sondern als standardisierte, energiewirtschaftliche Plattform für die notwendigen Prozesse, P2P-Handel energiewirtschaftlich korrekt zu realisieren und sowohl auf digitaler als auch auf energiewirtschaftlicher Seite Sicherheit, Vertrauenswürdigkeit und Verfügbarkeit zu gewährleisten. Die Plattform ist keine public Blockchain, sondern eine konsortiale Lösung im Energiebereich. Abbildung 1 veranschaulicht diese Vorstellung. Dabei sind die Nutzer der Anwendungsfälle (wie P2P-Handel) über Smart Metering mit der Blockchain verbunden und nutzen die dort vorhandenen Anwendungsfälle, realisiert über Smart Contracts. In diese Prozesse haben energiewirtschaftliche Akteure keinen direkten Einfluss (Manipulationsresistenz), treten jedoch dem Kunden gegenüber als Dienstleister für die im vorherigen Abschnitt aufgeführten rechtlichen Pflichten ein. Auch ist das Frontend (App / Website) individuell auf jeden dieser Dienstleister zugeschnitten, was eine Differenzierung der Angebote erlaubt.

blockchain p2p

Die Plattform ermöglicht in diesem Fall einzelne und individuelle Produkte auf der Frontend-Seite, während die Blockchain im Backend als gemeinsame, standardisierte Plattform / Datenbank für Transaktionen dient. Auf diese Weise kann die Technologie die Entstehung marktbeherrschender Monopolisten verhindern, wie dies in anderen Branchen bereits durch digitale Plattformen der Fall ist. Dabei können lokale Stadtwerke und Unternehmen weiterhin ihre individuellen Kundenkontakte und Alleinstellungsmerkmale nutzen bzw. weiter ausbauen und geraten nicht in die Abhängigkeit einiger weniger Anbieter.

Fazit

Der Wert der Technologie für den Anwendungsfall P2P-Handel besteht in ihrer Eigenschaft als Grundlage für einen gemeinsamen Standard zur Abwicklung von Transaktionen, ohne zentralen Intermediär. Im Gegensatz zu Versorgungsunternehmen, die als vertrauenswürdiger Intermediär fungieren können – wie sie es bei marktreifen P2P-Dienstleistungen bereits tun – dient die Blockchain als vertrauenswürdiges, manipulationssicheres „level playing field“ mit einer sehr hohen Verfügbarkeit und Sicherheit zwischen verschiedenen Akteuren.

Ein weiterer Vorteil einer gemeinsamen Blockchain-Plattform ist die Nutzung von Synergien. Anstatt individuelle Softwarelösungen zu entwickeln, müssen sich Dienstleister / Stadtwerke nur auf das individuelle Branding des Front-Ends konzentrieren. Die Transaktionen auf der Blockchain können wiederum einfach durch den Zugriff von Behörden überprüft werden, wodurch Reportingpflichten vollständig entfallen oder automatisiert abgewickelt werden. Einen weiteren Mehrwert liefert die Technologie im Kontext der Datenhoheit. Die Blockchain kann die Rechte-verwaltung klar regeln, sowie Verwendung und Datenabruf transparent dokumentieren und nachvollziehbar machen. Werden keine persönlichen Daten auf ihr gespeichert oder, z. B. durch Verschlüsselung,  technisch gesichert, kann auch die DSGVO grundsätzlich eingehalten werden.

Fazit und Ausblick

Mit der steigenden Zahl von post-EEG-Anlagen nimmt auch der Bedarf an neuen Dienstleistungen und Vermarktungsoptionen zu. Gerade der lokale Handel auf P2P-Märkten wird dabei in Zukunft eine Option sein, EE-Anlagen nach dem Auslaufen der Förderung weiter zu betreiben. Die Blockchain sollte hier als Chance gesehen werden, einen gemeinsamen Standard hierfür zu schaffen. Die Vorteile dieses offenen Standards liegen vor allem darin, dass auch kleine Energieunternehmen ohne eigene Entwicklungskompetenzen diese Lösungen einfacher und kostengünstiger verwenden können. Zudem kann die Technologie die Abhängigkeit von großen Monopolisten verringern, mehr Verantwortung in die Hände der Prosumer legen und eine gut überprüfbare, transparente und manipulationsresistente Datenhaltung bieten. Dabei werden gleichzeitig die lokalen Stärken der Unternehmen erhalten und können sogar noch weiter ausgebaut werden.

Dafür sind jedoch auch Vereinfachungen der bürokratischen Abläufe, rechtlicher Hürden und eine flächendeckende Digitalisierung erforderlich. Auf Seiten der Blockchain-Technologie sind weitere Entwicklungen und Erprobungen der Skalierbarkeit und Datenschutz erforderlich. Häufig kritisierte Probleme bzgl. Energieverbrauch sind bereits technisch gelöst und nicht mehr Teil der Herausforderung (siehe http://www.ffe.de/bct_bericht).

Durch die heute bestehenden Regularien und bürokratischen Hürden ist der finanzielle Mehrwert für Marktteilnehmer von P2P-Handelssystemen jedoch noch wenig attraktiv. Die Einsparpotenziale von Handel- und Vertrieb im Haushaltsstrompreis werden vor allem durch den höheren Bürokratieaufwand, um als Verkäufer auftreten und die damit verbundenen Verpflichtungen einhalten zu können, wieder aufgebraucht.

Ein nächster evolutionärer Schritt in Richtung eines P2P-Handels wäre die Etablierung eines auf der Blockchain-Technologie basierenden P2P-Herkunftsnachweises mit hoher zeitlicher Auflösung und Kopplung an die Architektur intelligenter Messsysteme (iMSys). Die technische Grundlage dafür ist nahezu identisch zu jener des P2P-Handels, jedoch ohne Preiskomponenten, wodurch regulatorische Aufwände an dieser Stelle entfallen. Eine Weiterentwicklung des P2P-Herkunftsnachweises zu einem echten P2P-Handel kann so schrittweise auf der Basis dieser Plattform erfolgen. Eine spätere Erweiterung um P2P-Handel wäre möglich.