12. April 2019: Seit Veröffentlichung des Klimaschutzplans 2050 im Jahr 2016 ist klar, dass der Industriesektor einen erheblichen Betrag zur Treibhausgasverminderung leisten muss. Doch wird dieser Umstand in der wissenschaftlichen Diskussion angemessen berücksichtigt? Von Andrej Guminski.

Eine Bemessungsgrundlage die belegt, dass die wissenschaftlichen Diskussionen um die Treibhausgasverminderung im Industriesektor chronisch unterrepräsentiert sind, existiert nicht. Im Rahmen des REINVENT Projektes wurde immerhin gezeigt, dass die Anzahl der global erhältlichen Industry Roadmaps erst im vergangenen Jahr die Hundertermarke überschritten hat. Im Vergleich zur Anzahl jener Studien und wissenschaftlichen Beiträgen, die sich mit Transformationspfaden in den Sektoren Verkehr, Haushalte und Stromerzeugung auseinandersetzen, ist dies gleichwohl mehr als überschaubar. Hinzu kommt, dass sich gemessen an der Komplexität des Sektors, ein umgekehrtes Bild ergeben sollte, denn der Industriesektor ist so heterogen und komplex wie kein anderer. So ist z.B. der Ersatz fossiler Kraftwerke durch Windturbinen und Photovoltaikanlagen eine Maßnahme zur Treibhausgasverminderung, die auch einem fachfremden Publikum schnell verständlich gemacht werden könnte. Im Industriesektor erfordert bereits die Definition einzelner Maßnahmen ein grundlegendes Prozessverständnis, welches selbst in Expertenkreisen häufig nicht vorhanden ist. Dies wiederum erklärt das geringe Diskussionsvolumen wenn es um den Sektor geht. Denn es liegt in der menschlichen Natur, vor allem über die Themen sprechen zu wollen, in denen bereits eigene Expertise vorhanden ist.

In den Zielen des Klimaschutzplans 2050 wird ein sektoraler Minderungsbeitrag der Industrie bis 2030 i.H.v. 140 MtCO2-äq ggü. den 283 MtCO2-äq aus dem Jahr 1990 gefordert. Zwar existieren für das Jahr 2050 noch keine sektoralen Ziele zur Treibhausgasverminderung, jedoch zeigen die Zielszenarien einschlägiger energie- und klimapolitischer Szenarien (dena-Leitstudie Integrierte Energiewende, Klimapfade für Deutschland, und Langfristszenarien für die Transformation des Energiesystems in Deutschland), dass die Reduktion der Treibhausgasemissionen um 95 % ggü. dem Niveau von 1990 auch eine Reduktion der Emissionen aus dem Industriesektor im selben Ausmaß erfordert. Es ist also unabdinglich, dass Forschung, Politik und Vertreter der Wirtschaft den Austausch intensivieren und gemeinsam an prozessspezifischen Lösungen zur Treibhausgasverminderung arbeiten.

Die Analyse klimapolitischer Szenarien zeigt weiterhin, dass eine Kombination aus Energieeffizienzmaßnahmen, direkter Elektrifizierung, dem Einsatz synthetischer Brennstoffe und / oder CO2-Abscheidung notwendig ist, um die benötigte Treibhausgasverminderung im Industriesektor zu erzielen. Es existieren folglich eine Reihe von Transformationspfaden die Wege zum Ziel weisen. Was diese Studien jedoch nicht vermitteln ist ein Gefühl für die Größe der praktischen Herausforderung die ein solcher Pfad für den einzelnen Industriebetrieb bedeutet. Während sich jeder vernünftige Autofahrer vorstellen kann, auf ein batterieelektrisches Fahrzeug umzusteigen, ist kaum jemandem klar, dass die Stilllegung eines Primärstahlwerkes zu Gunsten einer alternativen Verfahrensroute kaum abschätzbare Rückwirkungen auf Unternehmen und Arbeitsplätze im globalen Wettbewerb hat. Im Sektor Industrie muss also nach dem Vorbild der Studie Klimapfade für Deutschland weiter der Diskurs mit der Praxis gesucht werden. Dabei sollte nach dem Vorbild des Stahlinstitutes VDEh und der DECHEMA Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V. zugleich eine intensive Auseinandersetzung mit Prozessveränderungen stattfinden, die für eine erfolgreiche Energiewende benötigt werden. Das Erfolgsversprechen für die Energiewende in der Industrie beruht schlussendlich auf dem ständigen und konstruktiven Austausch zwischen beiden Perspektiven.